„Die Baugenossenschaft Ideal lässt eine schwer und unheilbar kranke Mieterin nach 25 Jahren aus ihrer Wohnung räumen.“ Mit diesem Vorwurf machen Plakate in den vergangenen Tagen in den Ideal-Passagen in Berlin auf den Fall aufmerksam. Am 7. September 2026 soll die Mieterin W. zwangsgeräumt werden. Seit 25 Jahren lebt sie nach eigenen Angaben in der Wohnung.
Lange Zeit war W. froh, in einer Genossenschaftswohnung zu leben. Die 1907 gegründete Ideal gehört mit mehr als 4.600 Wohnungen zu den größeren Berliner Genossenschaften. Ihre Wurzeln liegen in der Ideal-Passage zwischen Fulda- und Weichselstraße in Neukölln. Bei dem Wohnensemble handelt es sich um einen Reformwohnungsbau.
Querulantin oder berechtigte Kritik?
Doch vor einigen Jahren begann W., die Genossenschaft zunehmend zu kritisieren. Sie beanstandete unter anderem fehlerhafte Betriebskostenabrechnungen und ein defektes Tor am Hofeingang. In Absprache mit einem Anwalt minderte sie wegen der aus ihrer Sicht bestehenden Missstände ihre Miete. Seit mehreren Jahren beschäftigt der Streit zwischen ihr und der Genossenschaft auch die Gerichte. Dabei konnte W. nach eigener Darstellung gerichtliche Erfolge erzielen.
„Die Genossenschaft weigert sich, Belegeinsicht zu gewähren und musste erst vom Gericht dazu verurteilt werden – inklusive richterlichem Durchsuchungsbeschluss für die Büroräume“, heißt es im „Mietermagazin“, der Zeitung des Berliner Mietervereins, in einem Beitrag von Dezember 2023.
In dem Beitrag wird auch der inzwischen aufgelöste Verein „Die Idealisten“ erwähnt. W. hatte sich mit rechtlichen Fragen rund um den Verein beschäftigt, der sich stark in der Nachbarschaftshilfe engagierte.
In der Genossenschaft galt die Mieterin nach Darstellung der Unterstützer bald als Querulantin. Seit 2023 erhielt sie insgesamt 10 Kündigungen mit unterschiedlichen Begründungen. Einmal ging es um eine angeblich unberechtigte Untervermietung. Eine weitere Kündigung bezog sich auf eine gewerbliche Nutzung der Wohnung sowie Mietrückstände. Die Vorwürfe weist W. zurück.
Zwangräumung trotz Krankheit
Die aktuelle Räumungsklage stützt sich auf Mietrückstände. Nach Darstellung der Mieterin handelt es sich dabei um Beträge, die durch die von ihr vorgenommene Mietminderung entstanden sind. Zudem warf die Ideal ihr vor, Handwerkern den Zugang zu ihrer Wohnung verweigert zu haben. In diesem Punkt setzte sich die Genossenschaft vor Gericht durch.
Nun droht W. die Zwangsräumung. Eine neue Wohnung hat sie bislang nicht gefunden. „Ich weiß noch gar nicht, was mich da erwartet“, sagt sie gegenüber der Zeitung „nd“. In den vergangenen Monaten habe sie sich erfolglos auf mehr als 80 Wohnungsanzeigen beworben. Sollte sie ihre Wohnung verlieren, droht ihr eine Notunterkunft.
Die Situation ist für W. auch gesundheitlich belastend. Sie leide an einer chronischen Erkrankung. Ein ärztliches Attest bescheinige ihr, dass sich ihr Gesundheitszustand durch den Verlust ihrer Wohnung massiv verschlechtern könnte.
Aus diesem Grund fordert das Bündnis „Zwangsräumung verhindern“ in einem Brief an den Vorstand der Ideal einen Aufschub der Räumung. Das Bündnis setzt sich gegen Zwangsräumungen in Berlin ein und überbrachte einen Beschwerdebrief. Ein Vorstandsmitglied der Ideal, das seinen Namen nicht nennen wollte, erklärte laut Medienbericht, zu laufenden Verfahren grundsätzlich keine Stellung nehmen zu wollen. Zugleich forderte es die Delegation auf, die Räume sofort zu verlassen. Die Unterstützer kamen dieser Aufforderung nach.