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Sie arbeiten. Sie zahlen. Sie finden trotzdem kein Zuhause

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Morgens zur Arbeit, abends zurück in eine Notunterkunft, auf einen Campingplatz oder im schlimmsten Fall auf die Straße: Was lange als Ausnahme galt, ist inzwischen ein sichtbares Symptom der Wohnungsnot in Deutschland. Wohnungslosigkeit trifft längst nicht mehr nur Menschen ohne Einkommen. Immer häufiger sind Erwerbstätige betroffen – Menschen, die ihren Lebensunterhalt selbst verdienen, Steuern zahlen und dennoch keine Wohnung finden.

Wie groß das Problem ist, hängt von der zugrunde liegenden Statistik ab. Der Wohnungslosenbericht der Bundesregierung erfasste Anfang 2024 rund 531.600 wohnungslose Menschen. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W), die den Jahresverlauf anders berechnet und auch weitere Gruppen einbezieht, kommt für 2024 auf mehr als 1,029 Millionen wohnungslose Menschen. Beide Zahlen machen deutlich: Wohnungslosigkeit ist längst kein Randphänomen mehr.

Keine bezahlbare Wohnung

Besonders alarmierend ist, dass Erwerbsarbeit immer seltener vor Wohnungsverlust schützt. Nach Angaben der BAG W sind 13 Prozent der Menschen, die sich an Beratungsstellen der Wohnungsnotfallhilfe wenden, berufstätig. Sie stehen morgens auf, gehen ihrer Arbeit nach, zahlen Steuern und Sozialabgaben – und finden dennoch keine bezahlbare Wohnung.

Besonders sichtbar wird diese Entwicklung in den Ballungsräumen. Aus Berlin, Hamburg oder Frankfurt berichten Medien und Sozialverbände immer wieder von Beschäftigten, die in Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe leben, auf Campingplätzen übernachten oder zeitweise sogar auf der Straße schlafen. Für viele ist das keine kurzfristige Notlage mehr, sondern ein Dauerzustand.

Die Statistiken zeigen zudem, wie unterschiedlich Wohnungslosigkeit heute aussieht. Nach der Hochrechnung der BAG W lebten 2024 rund 56.000 Menschen ohne jede Unterkunft auf der Straße oder in Behelfsunterkünften. Viele weitere waren in Notunterkünften, Wohnheimen oder bei Freunden und Verwandten untergebracht. Besonders erschütternd: Rund 264.000 wohnungslose Menschen waren minderjährig.

Stark gestiegene Mieten

Dass Arbeit nicht automatisch vor Wohnungslosigkeit schützt, hat mehrere Ursachen. Vor allem in den Großstädten sind die Angebotsmieten in den vergangenen Jahren deutlich schneller gestiegen als viele Einkommen. Wer neu anmieten muss, sieht sich häufig Quadratmeterpreisen gegenüber, die selbst mit einem regelmäßigen Gehalt kaum noch zu finanzieren sind. Hinzu kommen hohe Kautionen, steigende Nebenkosten und ein Wohnungsmarkt, auf dem sich oft Hunderte Interessenten auf eine einzige Wohnung bewerben.

Besonders schwer haben es Menschen mit niedrigem oder mittlerem Einkommen. Beschäftigte in der Pflege, im Einzelhandel, in der Gastronomie, im Sicherheitsgewerbe oder im Dienstleistungssektor verfügen zwar über ein regelmäßiges Einkommen, erfüllen aber häufig nicht die Einkommensvorstellungen vieler Vermieter. Befristete Arbeitsverträge, Teilzeit oder Schichtarbeit verschlechtern die Chancen zusätzlich. Selbst wer sich die Miete leisten könnte, scheitert oft an der Konkurrenz um den knappen Wohnraum.

Berlin verdeutlicht die Entwicklung. Nach der amtlichen Statistik waren Anfang 2024 mehr als 55.600 Menschen in der Hauptstadt wohnungslos. Die meisten lebten in Unterkünften der Wohnungsnotfallhilfe, mehrere Tausend jedoch auf der Straße oder in provisorischen Behelfsunterkünften.

Ständige Unsicherheit

Die Folgen reichen weit über die fehlende Unterkunft hinaus. Wer keinen festen Wohnsitz hat, kann sich schlechter erholen, leidet häufiger unter gesundheitlichen Problemen und lebt in ständiger Unsicherheit. Schlafmangel, lange Wege zwischen Notunterkunft und Arbeitsplatz oder fehlende Möglichkeiten, Kleidung zu waschen oder Unterlagen aufzubewahren, erschweren den Berufsalltag erheblich. Manche verlieren ihren Arbeitsplatz schließlich gerade wegen ihrer prekären Wohnsituation – obwohl Arbeit eigentlich der Weg aus der Not sein sollte.

Für Unternehmen wird der Wohnungsmangel ebenfalls zum Problem. In vielen Regionen fehlen Fachkräfte. Gleichzeitig lehnen Bewerber Stellen ab oder kündigen wieder, weil sie keine bezahlbare Wohnung finden. Wohnungslosigkeit ist damit nicht mehr nur eine soziale Frage, sondern zunehmend auch ein wirtschaftliches Problem.

Die Entwicklung macht deutlich: Erwerbsarbeit verliert auf einem überhitzten Wohnungsmarkt ihre frühere Schutzfunktion. Solange bezahlbare Wohnungen fehlen und der Neubau hinter dem Bedarf zurückbleibt, dürfte sich daran wenig ändern. Für immer mehr Menschen gilt damit ein Widerspruch, der lange kaum vorstellbar schien: Sie arbeiten – und haben trotzdem kein Zuhause.