In Frankfurt-Niederrad verändert sich erneut ein Stück Stadt. An der Lyoner Straße 14 wird ein 18-stöckiger Büroturm nicht abgerissen, sondern umgebaut. Wo früher Arbeitsplätze in einem klassischen Bürohaus lagen, sollen künftig 364 Apartments entstehen. Das Projekt steht exemplarisch für den Wandel eines Stadtteils, der lange als Bürostadt galt und sich nun schrittweise zu einem gemischten Quartier entwickelt.
Der Fassadenrückbau läuft bereits. Die tragende Struktur des Gebäudes bleibt erhalten. Für die Projektentwickler ist das ein zentraler Teil des Konzepts: Vorhandene Bausubstanz soll weitergenutzt werden, statt sie durch einen Neubau zu ersetzen. In Zeiten steigender Baukosten und wachsender Klimaanforderungen wird diese Art der Umnutzung für viele Städte interessanter.
364 Apartments im früheren Bürohaus
Das Projekt trägt den Namen „We Live Tower“. Entwickelt wird es von der Mainzer Aufbaugesellschaft gemeinsam mit der i Live Group aus Aalen. Geplant sind insgesamt 364 Wohneinheiten.
Den größten Teil machen 220 vollmöblierte Micro-Living-Apartments aus. Sie richten sich vor allem an Menschen, die kompakt, zentral und flexibel wohnen wollen – etwa Berufspendler, junge Beschäftigte oder Studierende. Hinzu kommen 144 sogenannte Serviced Apartments, die unter der Marke Rioca betrieben werden sollen. Dieses Konzept verbindet Wohnen auf Zeit mit hotelähnlichen Angeboten.
Im Erdgeschoss sind zusätzliche Gewerbeflächen vorgesehen. Welche Nutzungen dort einziehen werden, ist bislang offen. Denkbar wären Angebote, die das Quartier beleben und auch für die Nachbarschaft interessant sind.
Kita und weitere Wohnungen auf dem Areal
Der Umbau des Turms bleibt nicht die einzige Maßnahme. Auf dem Areal sollen zusätzlich rund 1.800 Quadratmeter Neubaufläche entstehen. Vorgesehen sind dort eine Kindertagesstätte sowie zwölf weitere Mietwohnungen.
Ein Teil der Wohnungen soll nach Angaben der Beteiligten als geförderter Wohnraum für Studierende bereitgestellt werden. Damit reagiert das Vorhaben auf eine Entwicklung, die nicht nur Frankfurt betrifft: Gerade kleine, bezahlbare Wohnungen sind in vielen Universitäts- und Großstadtregionen knapp.
Die Fertigstellung des Gesamtprojekts ist für das dritte Quartal 2027 geplant. Für die Mainzer Aufbaugesellschaft ist es der erste Standort in Frankfurt.
Niederrad wandelt sich zum Lyoner Quartier
Der „We Live Tower“ ist Teil einer größeren Entwicklung. Niederrad galt lange als funktionale Bürostadt: viel Verkehr, viele Bürohäuser, wenig urbanes Leben nach Feierabend. Dieses Bild verändert sich seit einigen Jahren. Unter dem Namen Lyoner Quartier entsteht aus dem monofunktionalen Bürostandort ein gemischter Stadtteil mit Wohnen, Arbeiten, sozialen Einrichtungen und ergänzendem Gewerbe.
Mehrere frühere Bürogebäude wurden bereits umgenutzt oder befinden sich in der Planung. Die Idee dahinter ist städtebaulich naheliegend: Wo Büroflächen nicht mehr in der früheren Form gebraucht werden, können neue Wohnungen entstehen. Gleichzeitig werden bestehende Flächen besser genutzt, ohne neue Baugebiete am Stadtrand auszuweisen.
Umbau statt Abriss gewinnt an Bedeutung
Dass der Turm an der Lyoner Straße erhalten bleibt, ist mehr als eine technische Entscheidung. Der Gebäudesektor verursacht durch Neubau, Abriss und Materialproduktion erhebliche Emissionen. Wird die tragende Struktur weitergenutzt, können Ressourcen geschont und große Mengen sogenannter grauer Energie erhalten werden.
Allerdings sind solche Umnutzungen komplex. Bürogrundrisse lassen sich nicht immer einfach in Wohnungen verwandeln. Haustechnik, Brandschutz, Schallschutz, Belichtung und Erschließung müssen angepasst werden. Auch die Frage, wie aus einem ehemaligen Bürohaus ein dauerhaft angenehmer Wohnort wird, entscheidet sich erst im Alltag.
Stadtumbau unter hohem Druck
Der Wandel in Niederrad kommt nicht zufällig. Während in Frankfurt weiterhin Wohnraum fehlt, stehen ältere Bürogebäude vielerorts unter Druck. Homeoffice, veränderte Flächenbedarfe und energetische Anforderungen machen manche Bestände weniger attraktiv. Gleichzeitig bleibt Bauland knapp und teuer.
Für Projektentwickler können Umbauten deshalb wirtschaftlich interessant werden. Für Städte bieten sie die Chance, vorhandene Quartiere weiterzuentwickeln und neue Wohnformen zu schaffen. Micro-Living und Serviced Apartments lösen zwar nicht allein die Wohnungsfrage, können aber bestimmte Nachfragegruppen bedienen und leerstehende Büroflächen neu aktivieren.
Ein Modell mit offenen Fragen
Der Hochhausumbau in Niederrad zeigt, wohin sich viele ehemalige Bürostandorte entwickeln könnten. Aus monofunktionalen Arbeitsorten werden gemischte Quartiere, in denen Wohnen, Arbeiten und Infrastruktur näher zusammenrücken.
Ob der „We Live Tower“ am Ende als gelungenes Beispiel gilt, hängt nicht nur von Architektur und Nachhaltigkeitsversprechen ab. Entscheidend wird sein, ob die Mischung aus Micro-Apartments, Serviced Apartments, gefördertem Wohnraum, Kita und Gewerbe tatsächlich ein lebendiges Stück Stadt entstehen lässt. Der frühere Büroturm könnte dann mehr sein als ein umgenutztes Gebäude – nämlich ein sichtbares Zeichen für den Umbau Frankfurts.